Wann genau muss Deutschland, die EU oder die Welt eigentlich klimaneutral sein, damit der Anstieg der Erdtemperatur auf möglichst 1,5 Grad – in jedem Fall aber deutlich unter 2 Grad – gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzt wird? Die Antwort darauf ist meistens abhängig davon, wen man gerade fragt. Dabei wäre sie eigentlich leicht zu beantworten: Zur Einhaltung der Pariser Klimaziele darf nur noch eine bestimmte Menge Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangen. Die Frage nach dem Zeitpunkt ist also abhängig davon, wann diese Restmenge aufgebraucht ist. Und davon, welches Temperaturziel mit welcher Sicherheit überhaupt angestrebt wird.

Der Weltklimarat (IPCC) veröffentlichte 2018 in einem Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel eine Tabelle zum globalen CO2-Restbudget (Seite 108, Tabelle 2.2.). Aus dieser Tabelle lässt sich differenziert nach dem Grad der Eintrittswahrscheinlichkeit ganz konkret abzulesen, wieviel Gigatonnen CO2 die Weltgemeinschaft noch ausstoßen darf, bevor bestimmte Temperaturgrenzen überschritten werden. Wie lange wir noch im fossilen Zeitalter verbleiben dürfen, ist also abhängig davon, wie stark die Menschheit ihren CO2-Ausstoß in den kommenden Jahren verringern wird. Und so stellt sich eine weitere Frage: Ist bereits heute ein maximaler Kraftakt erforderlich oder vertrauen wir auf technologischen Fortschritt und verlagern größere Reduktionsschritte in die Zukunft? Der ohnehin grenzwertige Zeitdruck würde sich für die Verantwortlichen von morgen jedenfalls brutal erhöhen.

Das Thema „Klimagerechtigkeit“ geht aber weit über den Aspekt der Generationen­gerechtigkeit hinaus. So stellt sich insbesondere die Frage, nach welchem Schlüssel der Ausstoß der globalen CO2-Restmenge auf die 195 Staaten der Welt verteilt werden soll. Rechtfertigen hohe Emissionen in der Vergangenheit auch höhere Emissionen in der Zukunft, weil sich die Wohlstandsstrukturen in den Industriestaaten längst verfestigt haben? Oder müssen die Verursacher der Klimakrise mehr Verantwortung übernehmen und den Entwicklungs- und Schwellenländern Zugeständnisse machen? Schließlich haben diese nicht nur Nachholbedarf in Sachen Wohlstand, sondern sind meist auch deutlich stärker vom Klimawandel betroffen. Der Pariser Klimavertrag spricht in diesem Zusammenhang von einer „gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung“. Er schreibt den Industriestaaten ganz klar die Führungsrolle zu.

Dennoch ist es bis heute auf keiner Klimakonferenz gelungen, die Verteilungsfrage einvernehmlich zu klären. Um zu verhindern, dass globaler Klimaschutz fortwährend am Disput über Fairness scheitert, lässt das Pariser Klimaabkommen diese Frage bewusst offen und beschränkt sich auf nicht sanktionierbare, unterschiedlich ambitionierte Selbstverpflichtungen (NDCs = Nationally Determined Contributions) der Unterzeichnerstaaten. Die nationalen Beiträge sollen laut Vertragstext in einem 5-Jahres-Rhythmus aktualisiert und dabei stetig erhöht werden. Ob sie einen angemessenen Anteil darstellen, entscheidet allerdings jedes Land für sich selbst. Entsprechend steuert die Erde auf Basis der bisher in eingereichten NDCs immer noch auf einen Temperaturanstieg von etwa 3° C bis zum Ende des Jahrhunderts zu.

Trotz aller Schwierigkeiten der internationalen Klimadiplomatie stellt das von der Wissenschaft ermittelte, globale CO2-Restbudget eine wichtige Messlatte dar, um nationale Anstrengungen hinsichtlich der gemeinsamen Klimaziele zu überprüfen. Die ungeklärte Frage nach dem Verteilungsschlüssel lässt sich nämlich auch ganz neutral beantworten: Geht man davon aus, dass jeder Mensch auf der Erde das gleiche Recht hat, CO2 zu emittieren, lässt sich das globale Restbudget sehr einfach anhand der Bevölkerungszahlen auf die einzelnen Staaten verteilen. Dabei stellt das Datum des Pariser Klimaabkommens Ende 2015 einen schlüssigen Ausgangsunkt dar. Zwar ist die Notwendigkeit der CO2-Vermeidung spätestens seit dem ersten IPCC-Bericht von 1990 bekannt, doch mit diesem frühen Datum der Betrachtung hätte Deutschland seinen Anteil schon längst verbraucht.

Auf der neuen Website www.showyourbudgets.org visualisiert der Klimajournalist Christian Mihatsch auf Basis des 2016 noch vorhandenen globalen Restbudgets die angemessenen (linearen) Reduktionspfade für jedes Land der Erde.

Demnach müsste Deutschland bereits 2026 klimaneutral sein, um einen Klimaschutzbeitrag zu leisten, der unserem Anteil an der Weltbevölkerung entspricht und sich am 1,5-Grad-Ziel orientiert. 20 weitere Jahre verblieben, wenn die Erderwärmung nur mit einer Münzwurf-Wahrscheinlichkeit von 50% auf 1,8 Grad (also „deutlich unter 2 Grad“) begrenzt werden soll.

Exakt den gleichen Budget-Ansatz empfiehlt auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) in seinem Umweltgutachten 2020 (Kapitel 2) als Richtschnur für die deutsche und europäische Klimapolitik. Gleichzeitig stellt der SRU fest, dass die aktuellen deutschen Klimaziele mit CO2-Emissionen einhergehen, die etwa doppelt so hoch sind, wie sie gemessen an unserem Bevölkerungsanteil sein dürften.

Dabei handelt es sich keinesfalls um „Klimaalarmismus“. Aus Sicht der Wissenschaft bildet das CO2-Budget des Weltklimarats sogar eine eher optimistische Menge ab, weil Rückkopplungseffekte des Erdsystems, wie z.B. das Auftauen von Perma­frostböden oder das Absterben borealer Wälder, noch nicht in die Berechnung einfließen. Würde man diese natürlichen Klimawandelfolgen einbeziehen, fielen die verbleibenden Restbudgets noch kleiner aus.

Kaum diskutiert wird auch die Frage, ob Wahrscheinlichkeiten von 50 oder 66 Prozent für die Einhaltung von Temperaturobergrenzen überhaupt akzeptabel sind. In ein Flugzeug, welches mit ähnlicher schlechter Quote heil wieder landen würde, würde sicherlich niemand einsteigen. Mit jedem Zehntel Grad Erwärmung steigt schließlich auch die Gefahr gefährlicher Kipp-Punkte, die unwiderruflich in eine Heißzeit und mit ihr zum Ende menschlicher Zivilisation führen können.

Leider haben viele Staaten kein Interesse an nationalen CO2-Budgets. Und auch die Bundesregierung vermeidet jedes Wort dazu, denn dann würde für Öffentlichkeit und Medien offenkundig, dass Deutschland klimapolitisch trotz aller Bemühungen längst nicht auf Kurs ist. So reagierte z.B. der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU Bundestagsfraktion, Georg Nüßlein, auf das SRU-Umweltgutachten 2020 mit den Worten, der Weg zu Treibhausgasneutralität dürfe sich nicht im „klimabudgetären Klein-Klein“ verlieren.

Wirtschaftspolitiker betonen gerne, dass es für das Klima unerheblich ist, an welchem Ort auf der Welt CO2 eingespart wird, um anschließend darauf zu verweisen, dass CO2-Einsparungen andernorts kostengünstiger realisierbar wären. Und in der Tat spricht nichts gegen die Zusammenarbeit mit Ländern, in denen tiefer hängende Früchte noch nicht geerntet wurden. Dabei ist allerdings streng darauf zu achten, dass Klimaschutzerfolge nicht mehrfach angerechnet werden. Doch gerade weil es wahr ist, dass Deutschland die Welt nicht alleine retten kann, sollte die Bundesregierung offensiv den Diskurs darüber eröffnen, wie groß das eigene Tortenstück denn sein darf. Die von Wirtschaftsminister Peter Altmaier angestrebte Klima-Allianz von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat böte den passenden Rahmen dafür.

Solang die Bundesregierung die deutschen Klimaziele aber nicht schlüssig begründen kann (oder will), wird es Sache der Gesellschaft bleiben, beständig auf die Kluft zwischen nationaler Klimapolitik und dem Pariser Klimaabkommen hinzuweisen. Mit der neuen Website www.showyourbudgets.org hat nicht nur die Fridays-For-Future-Bewegung ein wissenschaftliches Tool an der Hand, um getreu dem Leitspruch „Unite behind the science“ den Finger weiter in die Wunde zu legen.

Grafik: Tabelle zum globalen CO2-Restbudget aus dem Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel des Weltklimarats (IPCC)

Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze

Was ein angemessener Beitrag zum 1,5-Grad-Ziel für die deutsche Energiepolitik konkret bedeuten würde, hat das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie im Auftrag von Fridays-For-Future in einer aktuellen Studie untersucht. Im Kapitel zur Energiewirtschaft empfiehlt das Institut einen Ausbau der Windenergie an Land von 7 bis 10 GW pro Jahr – dies entspricht einer Verfünffachung des durchschnittlichen Zubaus der vergangenen drei Jahre.

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