Das europäische Stromnetz läuft bei einer Netzfrequenz von 50 Hertz. Diese Frequenz sollte möglichst konstant sein, um ein stabiles Netz zu gewährleisten, da es sonst im schlimmsten Fall zu einem europäischen Blackout kommen kann. Aufgrund von ständigen Veränderungen sowohl auf der Erzeuger- als auch auf der Verbraucherseite unterliegt die Frequenz Schwankungen. Diese haben verschiedene Ursachen, wie Ausfälle von Großkraftwerken, mehr Einspeisung durch erneuerbare Energien oder die Veränderung der Einspeiseverteilung durch den Strommarkthandel. Da die Prognosen für erneuerbare Energien immer präziser werden, tragen sie auch immer weniger zu den Schwankungen der Netzfrequenz bei. Die Veränderung der Einspeiseverteilung wurde hingegen in den letzten Jahren immer weiter verkürzt, sodass sich mittlerweile im Viertelstunden Takt verändert wo wie viel Strom eingespeist wird. Um die Schwankungen abzufangen, gibt es in Deutschland den Regelenergiemarkt, in dem die Bereitstellung von positiver und negativer Regelenergie bei abweichender Netzfrequenz vergütet wird.

Regelenergiearten

Regelenergie wird in drei Arten unterschieden: Primärregelenergie (PRL), Sekundärregelenergie (SRL) und Minutenreserve (MRL). Sie unterscheiden sich hauptsächlich darin, wann und wie lange sie ihre volle Leistung erbringen müssen. Während PRL nach 30 Sekunden über 15 Minuten die gesamte Leistung abrufen muss, sind es bei SRL fünf und 15 Minuten und bei MRL 15 Minuten und eine Stunde. Des Weiteren werden positive und negative Regelleistung der SRL und MRL einzeln vermarktet, wodurch Anlagen am Markt teilnehmen, die nur eines von beiden leisten können. Anlagen, die am PRL-Markt teilnehmen, müssen positive und negative Regelleistung erbringen.

Wie funktioniert der Regelenergiemarkt?

Auf dem Regelenergiemarkt können für die verschiedenen Regelprodukte Gebote, bestehend aus Menge und Preis, abgegeben werden. Nach Gate-Closure werden die Gebote in einer Merit-Order-Liste preislich aufsteigend sortiert und, bis die ausgeschriebene Menge erreicht ist, bezuschlagt. Der Regelenergiemarkt hat seit seiner Einführung im Jahr 2001 schon einige Veränderungen erlebt, welche teilweise an der Preisentwicklung abzulesen sind. In der Abbildung sind drei Ereignisse am SRL-Markt eingezeichnet. Im Juli 2018 wurde das sogenannte Mischpreisverfahren eingeführt, wodurch die Preise der Regelleistung signifikant anstiegen. Nach einem Preispeak von fast 38.000 €/MW im Juni 2019 wurde das Mischpreisverfahren ein Jahr nach seiner Einführung wieder abgeschafft.

Seit November 2020 werden SRL und MRL Regelleistung und Regelarbeit nicht nur getrennt voneinander vergütet, sondern auch ausgeschrieben, sodass es nun einen Regelleistungs- und einen Regelarbeitsmarkt gibt. Der Leistungspreis vergütet die Vorhaltung von Energie wohingegen der Arbeitspreis die tatsächlich abgerufene Arbeit bezahlt. Vor der Einführung, wurden beide Preise simultan geboten. Wenn die bezuschlagte Leistung abgerufen wurde, bekam der Bieter zusätzlich seinen Arbeitspreis für die geleistete Arbeit ausgezahlt (pay-as-bid). Nun können am Arbeitsmarkt Teilnehmer ein Gebot abgeben, die am Leistungsmarkt nicht bezuschlagt wurden. Hierdurch entsteht eine größere Konkurrenz und die Regelleistung wurde zu einem Versicherungsprodukt.

Die PRL wird einzig über den Leistungspreis vergütet und alle bezuschlagten Gebote erhalten den Preis des zuletzt bezuschlagten Gebotes (Marginal Pricing).

Die Zukunft des Regelenergiemarktes

Auch wenn der Regelenergiemarkt schon einige Veränderungen hinter sich hat, wird er sich in Zukunft weiterhin verändern müssen. Nachdem die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber durch den Netzregelverbund den Einsatz von Regelenergie schon untereinander technisch und wirtschaftlich optimieren, haben sich die ENTSO-E Mitglieder dazu entschieden, den Regelenergiemarkt auf europäischer Ebene zu vereinheitlichen. So kann bei Netzengpässen in bspw. Deutschland auch Regelenergie aus Frankreich oder Österreich eingekauft werden und andersherum. Hierfür müssen die einzelnen Regelmärkte in den Staaten vorher aneinander angepasst werden. Ziel ist es, alle Märkte im Juli 2022 in den Projekten PICASSO und MARI zusammenzuführen. Dies sind Plattformen, auf denen europaweit Gebote für SRL und MRL gestellt werden können.

In der Vergangenheit wurde Regelleistung hauptsächlich von konventionellen Gaskraftwerken erbracht. Bereits heute leisten aber auch Erneuerbare Energien, flexible Stromlasten und Speicher Regelarbeit, wobei unterschiedliche Technologien für verschiedene Anwendungsfälle geeignet sind. Der Regelenergiemarkt sollte zukünftig auf viele verschiedene Technologien setzen, um die Vorteile aller zu kombinieren.

Durch die Einteilung in Regelleistungs- und Regelarbeitsmarkt, die Verkürzung der anzubietenden Zeitscheiben und die kurzfristigere Abgabemöglichkeit eines Gebots, hat sich der Regelenergiemarkt für mehr Technologien, vor allem erneuerbare Energien, geöffnet. Hierdurch könnten mittelfristig die Arbeitspreise aufgrund von höherer Konkurrenz sinken. Im Leistungspreis hingegen könnten künftig höhere Preise verlangt werden, um die niedrigen Arbeitspreise kompensieren zu können. Außerdem können nicht bezuschlagte Teilnehmer aufgrund der neuen Bestimmungen des Regelenergiemarktes noch an anderen Auktionen teilnehmen und somit Ihre Ware am Intraday Markt anbieten. Der Intraday Handel von Strom ist schon heute international und übernimmt mehr und mehr Flexibilitätsbereitstellung, sodass weniger Regelenergie benötigt wird.

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